"Einfach" bessere Bilder (Teil 2) - Drittel-Regel


Eine der effektivsten Methoden ein Bild zu verbessern dürfte wohl der Bildaufbau sein. Es braucht dazu auch kein besonderes Equipment, nur etwas guten Willen.

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Nur ein Blick genügt uns Menschen um festzustellen, ob uns ein Bild gefällt oder eben nicht. Oft ist uns gar nicht bewusst, weshalb uns ein Foto gefällt. Auf die Hintergründe möchte ich hier eingehen. 


Die wahrscheinlich mit am häufigsten genannte Technik in Verbindung mit dem Bildaufbau ist der „Goldene Schnitt“. Ein Art der Bildaufteilung deren Wurzeln weit zurückreichen. So kam der Goldene Schnitt in der Malerei lange Zeit vor der Fotografie zum Einsatz.


Was genau ist nun der Goldene Schnitt?

Es handelt sich dabei um ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Größen. Wenn wir es einmal auf eine Strecke umlegen, bedeutet dass: Der größere Teil verhält sich zum kleineren Teil wie die ganze Strecke zum größeren Teil. Reichlich kompliziert, nicht wahr? Wir haben aber gesagt, mit einfachen Mitteln zum besseren Bild!


Leichter umzusetzen - Die Drittel-Regel 

In der Fotografie hat sich eine, gewissermaßen vereinfachte Form des Goldenen Schnitts durchgesetzt - die Drittel-Regel. Statt langer Erklärungen, hier ein Beispiel:

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Das Bild wirkt relativ harmonisch und der Fokus des Betrachters wird schnell auf das Gesicht  der jungen Dame gelenkt. Warum ist das so? Sehen wir mal etwas genauer hin und nehmen ein Raster zur Hilfe. Dieses entspricht der Drittel-Regel, sprich teilt das Bild in der Vertikalen und Horizontalen in je drei Teile. Dann wird sehr schnell deutlich, was wir unterbewusst bereits wahrgenommen haben.

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Das Zentrum eines Bildes ist kein guter Ruhepunkt für das Auge.

Viel angenehmer oder eben harmonischer werden die vier Schnittpunkte der Linien wahrgenommen. Was bedeutet diese Erkenntnis nun konkret für unsere zukünftige Bildgestaltung?

Die zentralen Bestandteile unseres Bildes sollten an einem der Schnittpunkte positioniert werden. Im Beispiel oben wäre das natürlich das Gesicht der jungen Dame. In diesem speziellen Fall ist es sogar das (der Kamera nähere) Auge. Auf diesem liegt auch der Fokus, was den Eindruck weiter verstärkt.

Welchen der Punkte man im einzelne wählt, hängt schlicht und ergreifend vom Motiv und letztendlich auch vom persönlichen Geschmack ab. Spielen wir es aber ruhig einmal am Beispiel oben durch und verschieben unser Motiv an die anderen Punkte:

  • oben rechts: Ihre Arme und ihr Bein würden abgeschnitten und damit ginge eine Informationen verloren. Sie unterbrach ihre Tätigkeit (Stiefel zubinden) und schenkte mir ein Lächeln. Ausserdem würde sie mit dem Kopf fast gegen eine Wand (Bildrand) gedrückt. Dieser Umstand löst in uns unterbewusst eine gewisse Beklemmung aus.
  • links unten: Diese Position bedarf vermutlich wenig Erklärung. Von unserem eigentlichem Motiv wäre ausser Kopf und Schulter nicht mehr viel übrig. Dafür entstünde oberhalb sehr viel "toter" Raum. Zugegeben, in diesem Foto hätte es den Vorteil, dass die Dame dahinter nicht ihren Kopf "verloren" hätte. Da sie hier aber nicht zentrales Bildelement war, habe ich es in Kauf genommen.
  • rechts unten: Nun hier würden sich die negativen Aspekte der beiden vorangegangenen Punkte summieren. Das Motiv würde vermutlich auch nicht mehr als solches erkannt werden.

Im Hochformat gelten natürlich die selben Regeln.

Wie kann die Drittel-Regel noch angewandt werden?

Nicht jedes Bild enthält Elemente, die auf einen der Kreuzungspunkte gelegt werden können wie z.B. eine Landschaft oder ein hohes Gebäude. Was also empfiehlt sich in solch einem Fall? Nun, das Raster besteht nicht umsonst aus Linien und nicht etwa aus vier Punkten. Am leichtesten lässt es sich wieder anhand von Beispielen zeigen. Auf ein eingeblendetes  Raster habe dabei verzichtet. Es sollte auch so deutlich zu erkennen sein.

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Bei diesem Sonnenuntergang wurde der Horizont etwa in das obere Drittel des Bildes verlegt. Trotz annähender Einhaltung der Drittel-Regel wirkt das Bild nicht wirklich harmonisch. Kein Wunder! Wir haben ein Foto, dass zu etwa zwei Drittel schwarz bzw. ohne Inhalt ist.

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Dieses Beispiel wirkt schon besser. Hier wurde der Horizont ins untere Drittel verlegt. Genau genommen liegt er sogar etwas darunter. Gerade bei Sonnenuntergängen keine Seltenheit, da aufgrund des starken Gegenlichts der Vordergrund in reines Schwarz versinkt und somit nicht wirklich zur Bildaussage beiträgt. Auch ein Beleg dafür, dass die Drittel-Regel mehr eine Orientierungshilfe als ein festes Gesetz ist.  

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In diesem Beispiel möchte ich zeigen, dass nicht immer Himmel und Erde gezwungenermaßen auf dem Bild sein müssen. Man kann durchaus auf eines der beiden Elemente verzichten wenn z.B. der Himmel grau in grau daherkommt. Sehen wir uns das Foto etwas genauer an: Die Hütte am Weiher und der Wanderer liegen auf den Schnittpunkten im unteren Drittel - bewusst! Dadurch wirkt die Landschaft dahinter weitläufiger und man bekommt in Bezug auf die Hütte ein leichtes Gefühl von Einsamkeit. Das Abschneiden des Himmels (Horizonts) verstärkt den Eindruck und suggeriert, die Landschaft wäre noch viel weitläufiger. 


Wichtig: Die Ausnahme von der Regel!

Wie bereits weiter oben beschrieben, ist die Drittel-Regel eher eine Orientierungshilfe. Es würde Ihre Kreativität wohl eher behindern als fördern, wenn Sie losziehen und in jedes Bild symbolisch vier Nägel schlagen (an den Kreuzungspunkten) und versuchen dort zwanghaft die zentralen Bildelemente "aufzuhängen". Versuchen Sie vielmehr davon loszukommen immer alles zentrisch aufzubauen. Ein kleiner Schwenk mit der Kamera nach links, rechts, oben oder unten bewirkt oft schon Wunder. Das es durchaus auch mal anders aussehen darf, möchte ich mit zwei weiteren Beispielen zeigen.

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Eigentlich komplett daneben, oder? Der einzige Bildinhalt ist an den unteren Bildrand gequetscht und der Rest des Bildes ist mit mehr oder weniger weißer Leinwand gefüllt. Die Person steht zudem noch genau in der Mitte des Bildes. Aber irgendwie wirkt das Foto trotzdem interessant, warum? Unterbewusst nehmen wir wahr, die Leinwand ist sehr groß. Die Person im Vordergrund dient und dafür als Größenvergleich. Die winzige Person, die versucht mit der riesigen Leinwand zu "interagieren" vermittelt vielleicht sogar ein wenig Hilflosigkeit... wer weiß!

Wir können also ein Bild sogar gestalten, indem wir etwas nicht zeigen! Wie dass denn? Eine sehr interessante Eigenheit unseres Gehirns besteht darin, fehlende Informationen gewissermaßen "aufzufüllen". Beispiele hierzu:

  • hört die Leinwand genau an den Bildrändern auf oder geht sie noch (viel) weiter?
  • Ist der Mann im Vordergrund wirklich alleine? Will ihm denn niemand bei seiner Arbeit helfen?

Es ist erstaunlich, wie uns unser eigenes Gehirn manchmal betrügt ;)


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Ein weiteres Beispiel, mit dem ich zeigen möchte, dass auch ein mittiger Bildaufbau durchaus seinen Reiz haben kann.


Technische Umsetzung der Drittel-Regel:

Wir müssen uns dafür mit zwei Elementen beschäftigen. Einmal die Wahl des Fokusfeldes und mit dem zweistufigen Auslösen.

Wahl des Fokusfeldes:

Hier werden sicherlich viele sage: "Was soll ich festlegen? Meine Kamera sucht sich einfach selber einen Punkt auf den sie scharf stellt!"

Nun, glauben Sie wirklich Ihre Kamera weiß was im Bild Ihnen am wichtigsten ist? Warum überlassen Sie dann ihr die Wahl, was scharf gestellt werden soll? Zugegeben, neue Features wie Gesichtserkennung hat diese Situation etwas verbessert, hat aber auch seine Grenzen. Gagen wir einmal, Sie möchten in einer Gruppe von hintereinander stehenden Menschen auf eine spezielle Person scharf stellen, was dann?

Viele Fotografen, mich eingeschlossen, neigen dazu das zentrale Messfeld zu verwenden oder zumindest ein spezielles Feld festzulegen (der Situation angepasst). Wie Sie das an Ihrer Kamera einstellen können, finden Sie in der Bedienungsanleitung. Wenn wir nun (vorzugsweise) das zentrale Feld ausgewählt haben, erreichen wir dann nicht genau das Gegenteil von dem was wir eigentlich wollen, einen aussermittigen Bildaufbau? Nicht unbedingt!

Zweistufiges Auslösen:

Fast jede Kamera verfügt über einen zweistufigen Auslöser. Wenn Sie diesen nur leicht drücken, versucht die Kamera auf das Motiv im gewählten Fokusfeld scharf zu stellen. Ist dies gelungen wird das meist über ein Signal zurückgemeldet. Erst wenn sie nach erfolgreicher Fokussierung den Auslöser ganz durchdrücken, wird das Bild aufgenommen. Vielleicht war Ihnen das bisher gar nicht bewusst und Sie haben einfach den Auslöser (voll durch-) gedrückt und gewartet bis es "Klick" gemacht hat. Dann war das Ergebnis möglicherweise oft nicht das gewünschte.

Wir wollen jetzt zwischen dem Antippen (fokussieren) und dem Durchdrücken (Auslösen) einen Zwischenschritt einfügen. Einen leichten Kameraschwenk.

  • zielen Sie mit dem Fokusfeld auf das Motiv bzw. den Teil davon, der scharf abgebildet werden soll (z.B. die Augen)
  • bewegen Sie nun die Kamera ein kleines Stück, so dass das zentrale Element leicht aus der Mitte verschoben wird
  • drücken Sie nun den Auslöser (vorsichtig) durch um das Bild aufzunehmen

Beispiel: Sie möchten eine Person fotografieren. Sie zielen mit dem mittleren Fokusfeld auf die Augen der Person und halten den Auslöser halb gedrückt. Jetzt schwenken Sie die Kamera leicht nach unten, so dass der leere Raum oberhalb des Kopfes verschwindet. Jetzt drücken Sie den Auslöser ganz durch. Das Ergebnis ist nun ein Bild das statt viel freiem Raum überhalb des Kopfes von der aufgenommenen Person dominiert wird. Der Kopf (die Augenpartie) liegt dabei im oberen Drittel des Bildes und die Aufnahme wirkt harmonisch.

Was tun wenn die Kamera über keinen zweistufigen Auslöser verfügt (z.B. Handy)?

Hier können Sie den Kameraschwenk möglicherweise umgehen, indem Sie das Fokusfeld vorher bereits auf die richtige Position verschieben. Oft lässt sich dies z.B. mit einem Tipp auf den Touchscreen erledigen. Sie richten Ihr Handy also bereits vorher korrekt aus, tippen dann z.B. auf das Gesicht (fokussieren) und lösen anschließend aus.

Was tun wenn auch das nicht geht oder ich es bei der Aufnahme einfach vergessen habe?

In diesem Fall bleibt Ihnen nur das entsprechende Zuschneiden der Aufnahme in der Nachbearbeitung. Mal abgesehen von "Ich hab's mal wieder vergessen", planen Sie bei der Aufnahme etwas mehr Freiraum ein, um später das Bild passend zuschneiden zu können. Dies empfiehlt sich übrigens auch bei Aktionszenen oder allgemein bei schnellen Bewegungen. Hier bleibt oft nicht die Zeit für den Schwenk, da sonst das Objekt wieder aus dem Fokus gerät.  

Abschließende Worte:

Es ist also kein Hexenwerk seine Bilder zu verbessern. Es bedarf, wie in diesem Fall, noch nicht einmal besonderem Equipment. Lediglich der Wunsch, die eigenen Bilder zu verbessern und natürlich auch ein wenig Willensstärke, es auch durchzuziehen.

Ärgern Sie sich nicht, wenn Sie anfänglich immer wieder in das alte Muster zurückfallen. Wie so oft benötigt auch diese Technik eine gewisse Zeit und vor allem viel Übung, bis sie intuitiv umgesetzt wird.

Also... nichts wie raus und fleißig üben!


© Uwe Walzenbach 2012