Das perfekte Bild?


Keine leichte Frage!

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Was zeichnet ein „perfektes“ Bild aus?
Eine komplexe Frage. Das macht es auch so schwer eine Antwort darauf zu finden. Der Beitrag ist sehr umfangreich geschrieben aber ich glaube, dass es sich lohnt ihn zu lesen.


Heute widmen ich mich einer Frage, die sich vermutlich jeder (Hobby-) Fotograf schon einmal gestellt hat:

„Wie gelingt mir das perfekte Bild?“

Zugegeben, keine leichte Frage aber gehen wir es doch mal systematisch und der Reihe nach an.

Was gehört (aus technischer Sicht) alles zu einem perfekten Bild?
- Perfekte Belichtung -> nicht zu hell, nicht zu dunkel
- Perfekte Schärfe -> knackscharf, auf den Punkt
- Perfekte Farben -> korrekte Farbdarstellung (Weißabgleich)

Beschränken wir uns erst einmal auf diese drei Kriterien. Den künstlerischen Aspekt (z.B. Bildaufbau) lasse ich bewusst ausser Acht, es würde schlicht und ergreifend den Rahmen sprengen.
Gehen wir dir Punkte doch eimal gemeinsam, zumindest gedanklich durch und analysieren jedes einzelne dieser Kriterien für sich alleine.

Perfekte Belichtung:
Das ist leicht! Die Kamera misst die Lichtverhältnisse aus, stellt die Kamera auf die benötigten Wertepaare (Zeit, Blende, ISO) ein und „Et voilà“ wir haben ein perfekt belichtetes Bild. Oder etwa doch nicht?

Nehmen wir für eine Sekunde einmal an, die Kamera verfüge tatsächlich über diese Fähigkeit und es gäbe keinerlei Unzulänglichkeiten. Keine Probleme mit überwiegend hellen oder dunklen Umgebungen wie z.B. einer Schneelandschaft oder der berühmten schwarzen Katze vor der schwarzen Wand. Gehen wir einfach einmal davon aus das diese und andere Stolperfallen bei der Belichtungsmessung nicht existieren.

Würden wir dann immer ein perfekt belichtetes Bild erhalten?

Ich persönlich glaube das nicht. Warum?

Der Dynamikumfang:
Selbst die besten und modernsten Kameras die wir im Normalfall kaufen können sind nicht einmal ansatzweise in der Lage die Helligkeitsunterschiede aufzuzeichnen, die das menschliche Auge erfassen kann, geschweige denn die Kontrastverhältnisse der Natur. Auf genaue Zahlen verzichte ich hier bewusst. Entscheidend ist nur die Tatsache es geht (jetzt und in absehbarer Zeit) nicht.

Hier werden sicherlich einige Rufe nach HDR (High Dynamic Range Image) laut. Ein berechtigter Einwand also gehen wir kurz darauf ein.

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Beispiel für den Einsatz der HDR Technik. Ohne diese würden die beleuchteten Stellen komplett ausfressen und auf den Dächern wäre rabenschwarzer Nacht nichts mehr zu erkennen.


1. Wie erzeugt man ein HDR-Bild?
Es werden mehrere Aufnahmen mit unterschiedlicher Belichtung von ein und dem selben Motiv aufgenommen. Diese Aufnahmen werden (meist) in einer speziellen Software miteinander verrechnet und haben danach tatsächlich eine deutlich höheren Dynamikumfang - und jetzt?

2. Was kann man mit einem HDR-Bild anfangen?
Kann das Bild nun auf einem normalen Monitor in seiner Gänze betrachtet werden? Nicht wirklich.
Kann ich das Bild mit vollem Kontrastumfang auf einem anderem Medium (Drucker, Laborabzug,...) ausgeben? Erst recht nicht! Diese Medien erreichen noch nicht einmal den Kontrastumfang eines brauchbaren Monitors.

3. Was also mach ich jetzt mit dem HDR-Bild?
Im Normalfall wird es mittels spezieller Verfahren auf ein „normales Bild“ herunter gerechnet. Das Ergebnis ist ein Zugewinn an sichtbaren Details (Zeichnung) in den Schatten und in den Lichtern.
Das verwertbare Endergebnis ist also wieder ein Bild mit dem bereits bekannten und beschränkten Dynamikumfang.

Was tun wir also bei jedem Belichtungsvorgang aufs Neue? Wir wählen den für uns wichtigen oder zur Bildaussage passenden Ausschnitt von Helligkeitswerten und bannen ihn aufs Bild (egal ob mit oder ohne HDR).

Ein Beispiele:
Openair Kino. Es ist (natürlich) Nacht und das Gelände, sowie das Publikum wird fast ausschließlich vom reflektierten Licht der Leinwand illuminiert. Lässt man der Kamera nun freie Hand, macht sie aus dem schönen Dämmerlicht nahezu Tageslicht. Wir greifen in solchen Fällen manuell ein und „drücken“ die Belichtung nach unten bis das Bild die Stimmung wiedergibt, die wir vorgefunden haben.

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Ein perfektes Bild? Sicherlich nicht! In der Vergrößerung würden Sie erkennen, dass es deut-liches ISO-Rauschen hat (der ISO-Wert stand bei 3200). Ausserdem sind einige Personen durch Bewegungsunschärfe ver-wischt. Stört es? Nun mich persönlich nicht. Es zeigt die Lichtstimmung (Be-leuchtung durch die Lein-wand), zeigt Menschen, die gebannt auf die Leinwand schauen, ein Wahrzeichen des Veranstaltungsortes (Wasserrad) und einiges mehr...


Gibt es also die perfekte Belichtung?
Ich glaube nicht. Vielmehr entscheidet der Fotograf bei jeder Aufnahme, was er aussagen will und passt die Belichtung entsprechend an. Das dabei manchmal Details in den Schatten oder Lichtern verloren gehen, nehmen wir billigenden in Kauf. Wichtig dabei ist, dass es dem eigentlichem Motiv zugute kommt.


Perfekte Schärfe:
Um es gleich vorweg zu nehmen, perfekt scharf gibt es eigentlich (in der Praxis) nicht. Vielmehr gibt es einen Bereich, den wir als scharf akzeptieren. Für eine technisch exakte Darlegung des Sachverhaltes bitte ich Wikipedia oder die Internetsuche zu nutzen. Beschränken wir uns hier auf zwei relativ einfache Einflussgrößen:

Der Betrachtungsabstand und die Anzeige- oder Ausgabegröße.
Gehen wir einmal davon aus, wir betrachten ein Bild aus einem Abstand von rund 30cm. Dies würde in etwa der üblichen Distanz bei einem Foto (Abzug) entsprechen. Gehen wir weiterhin davon aus, das Bild wurde mit bestmöglicher Schärfe aufgezeichnet. Halten wir nun einen Standardabzug (z.B. 10x15) in Händen würden wir vermutlich sagen: „Perfekt scharf“. Würden wir nun die selbe Aufnahme auf sagen wir 1x1,5m vergrößern oder bei 100% Vergrößerung am Monitor betrachten, was dann?

Schon nach dieser einfachen Überlegung müsste man die Frage nach der perfekten Schärfe wohl eher mit „kommt drauf an“ als mit „ja oder nein“ beantworten.

Eine weiter Frage lautet wollen wir überhaupt alles scharf abbilden, sofern es denn möglich wäre?

Meine Antwort auf diese Frage: „Nein, dass will ich normalerweise nicht.“

Ein paar Beispiele:

Gerade die Unschärfe verleiht einem zweidimensionalen Bild etwas mehr Plastizität. Es unterstützt unsere natürliche Wahrnehmung.

Eine Person vor einem unscharfen Hintergrund wird vom Auge viel deutlicher erfasst als es bei einem scharfen (womöglich noch unruhigen) Hintergrund der Fall wäre. So lassen sich Schwerpunkte alleine durch die Verteilung von Schärfe und Unschärfe setzen.

Ein Portrait einer jungen Frau. Würde sie sich wohl glücklich schätzen wenn das Bild in jeder Feinheit „knackscharf“ wäre? Wenn jede einzelne Pore, selbst bei wirklich toller Haut, auf einmal als kleiner Krater auf dem Bild erscheint? Wenn jedes kleine Lachfältchen unter dem unerbittlichen Blick unserer 5000,- EUR Objektive (träum...) zu einer Ackerfurche werden würde? Beim Auge hingegen, besonders bei der Iris, kann die Abbildung gar nicht scharf genug sein. Ein sehr wichtiges Kriterium übrigens. Sind die Augen nicht im Fokus wirkt das ganze Bild auf uns immer irgendwie unscharf.

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Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass der Hammer, sowie die Hand die ihn führt, eine leichte Bewegungsunschärfe aufweisen. Eine kürze Belichtungszeit hätte dies verhindert, allerdings zu welchem Preis? Dem Bild wäre ein gutes Stück Dynamik verloren gegangen.
Mir gefällt es so besser.


Also gilt auch hier, wie schon bei der Belichtung: Perfekte Schärfe gibt es meiner Meinung nach nicht. Es ist viel mehr der künstlerische Aspekt, der über eine gelungene Schärfe-Verteilung entscheidet als irgendein technischer.

Perfekte Farben:
Wenn wir auch hier mal für einen Moment davon ausgehen, die Kamera könnte immer einen perfekten Weißabgleich liefern. Unsere Bilder immer so darstellen, dass alle Grautöne neutral sind oder mit anderen Worten: „Weiß immer weiß ist“. Wäre dass nicht super? Wäre es nicht!

Und warum nicht?
Stellen Sie sich einen tollen Sonnenuntergang vor. Die Sonnenscheibe steht rot glühend knapp über dem Horizont. Sie taucht die Umgebung in ein Farbenmeer aus Rot bis Gold. Wolkenformationen zaubern ein unvergleichliches Farbenspiel in den nächtlichen Himmel.


Sie zücken also Ihre Kamera und halten drauf. Am Monitor sind die tollen Farben aus unserer Erinnerung auf einmal gar nicht mehr so toll. Die Sonne ist bestenfalls gelb und nicht mehr rot. Der Himmel lässt das ursprüngliche Farbenspiel auch nur noch erahnen.

Was ist passiert? Nun, die Kamera hat versucht das Licht/die Farben so neutral wie möglich darzustellen. So hatten wir uns das aber nicht vorgestellt.

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Links das Bild wie es in meiner Erinnerung gespeichert war. Würden wir der Kamera freie Lauf beim Weißabgleich und der Belichtung lassen, würde das Ergebnis dem auf der rechten Seite entsprechen. Sicherlich eine Geschmacksfrage aber mir gefällt das auf der linken Seite besser. Es deckt sich eben besser mit meiner Erinnerung an diesen Sonnenuntergang.


Solche oder ähnliche Szenerien gibt es zuhauf. Hier ein paar Beispiele:
- Das Dinner bei Kerzenlicht
- Die winterliche Szene mit ihrem kühlen leicht ins blau verschobene Licht
- Herbstliche Aufnahmen mit ihren warmen Farbtönen

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Die blau-grüne Färbung auf der linken Seite vermittelt mehr das Gefühl von Kälte und frostiger Atmosphäre. Rechts ist ein technisch korrekter Weißabgleich durchgeführt. Außerdem ist der Messfehler der Kamera bei der Belichtung nicht ausgeglichen worden.
Auch hier wieder eine Frage des persönlichen Geschmacks.


Wie schon bei den beiden vorangegangenen Kriterien gibt es auch bei den Farben (Weißabgleich) keine perfekte Lösung. Das was technisch korrekt ist mag nicht unbedingt das sein, was wir in unserem Bild haben wollen. Die Farben nach einem Weißabgleich decken sich nicht immer mit dem Bild in unserer Erinnerung. Also muss der Fotograf ein weiteres Mal die Entscheidung treffen, was für sein Bild das Richtige ist.

Zusammengefasst würde ich deshalb dazu tendieren:
Technisch gesehen gibt es (wahrscheinlich) kein perfekte Foto. Viel entscheidender als die technische Perfektion ist die Frage, wie exakt reproduziert das Foto die ursprünglichen Gegebenheiten, die Stimmung, die damit empfunden Gefühle. Lässt sich erkennen warum der Fotograf den Auslöser gedrückt hat oder was die abgelichtete Person in diesem Moment gefühlt hat (Freude, Liebe, Trauer, Schmerz,... ).

Lassen Sie mich auch hier ein Beispiel skizzieren in das wir uns gemeinsam versuchen hineinzuversetzen:
Ein Paar hat sie gebeten einige romantische Bilder aufzunehmen. Die beiden sitzen an einem Sandstrand, im Hintergrund neigt sich der Tag mit einem zauberhaften Sonnenuntergang dem Ende zu. Das Paar wird nur von Kerzen oder Fackeln erleuchtet.

Zwei mögliche Lösungsextreme möchte ich nun einmal gegenüber stellen:
1. Das schwache Licht zwingt Sie dazu, die Kamera in einen ISO-Bereich zu drehen, der deutlich sichtbares Rauschen im Bild erzeugt. Da dass Ihren Vorstellungen eines perfekten Bildes nicht entgegenkommt entscheiden Sei sich für den Einsatz von Blitzgeräten. Da wir hier ein extremes Beispiel schildern wollen, begnügen Sie sich auch nicht mit einem Aufhellblitz sondern lassen die kleinen Kraftpakete zur Hauptlichtquelle werden. Das Ergebnis sind strahlend helle Menschen im Vordergrund um die herum das Licht sehr schnell abfällt, bis schließlich nur noch eine schwarze Umgebung zurückbleibt. Vielleicht ist am Horizont noch die untergehende Sonnenscheibe zu erkennen. Das war‘s.


2. Sie stellen die Kamera bewusst auf eine sehr hohe ISO-Empfindlichkeit und akzeptieren das damit verbundene Rauschen. Um ausreichend Umgebungslicht einzufangen wählen Sie zusätzlich eine offene Blende. Sie sind sich außerdem bewusst, dass das Objektiv bei offener Blende nicht seine optimale Leistung (Schärfe) hat. Außer den Gesichtern unseres Pärchens wird also nicht mehr viel scharf abgebildet sein, sofern man bei den hohen ISO-Werten überhaupt noch von Schärfe sprechen kann. Die erforderliche Belichtungszeit ist trotz offener Blende ebenfalls grenzwertig. Sie rechnen damit, dass nicht jede Aufnahme unverwackelt sein wird oder Spuren von Bewegungsunschärfe zu sehen sind. All das nehmen Sie in Kauf und drücken mehrfach ab.

Natürlich gibt es zwischen den beiden Extremen unzählige gangbare Lösungen aber ich habe bewusst diese beiden Möglichkeiten aufgezeigt.

Entscheiden Sie selbst, welche Lösung das (Ihrer Meinung nach) bessere Bild erzeugt. Das technisch „perfekte“ ohne Unschärfe ohne Rauschen oder das technisch grenzwertige Foto.

Was wäre wohl für unser Pärchen die perfekte Erinnerung an diesen, vielleicht einmaligen Abend? 

Beobachten Sie doch einmal wie Menschen, ohne großartige fotografische Ambitionen, Bilder betrachten. Haben Sie dabei schon mal Aussagen gehört wie: „Das Objektiv hat ja ein tolles Bouquet“ oder „Das ISO-Rauschen ist deutlich zu erkennen“? Eher nicht. Viel interessanter ist die Bildaussage, was die Betrachter damit verbinden. „Weißt du noch, damals am Strand.... der tolle Wein,...das Rauschen des Meeres,...“

Wenn Sie es schaffen, dass die Menschen Ihre Bilder mit Geschichten verbinden, sich als Individuum und nicht nur als Abbild erkennen, dann haben Sie mehr erreicht, als Ihnen jeder (absehbarer) technische Fortschritt jemals bringen wird.

In diesem Sinne:
Lernen Sie mit Ihrem Equipment umzugehen aber lernen Sie erst recht mit den Wünschen, Träumen, Gefühlen und Erwartungen der Menschen für die Sie Bilder machen, umzugehen. Dazu gehört auch, einmal auf ein Foto zu verzichten. Lernen Sie eine vertrauensvolle Basis zu schaffen und Freundschaften zu schließen. Wenn Sie Teil der Gesellschaft sind werden Ihnen die Aufnahmen gelingen, die anderen verwehrt bleiben.


Gutes Gelingen!

© Uwe Walzenbach 2012